Autor: Dipl.Ing.(FH) Stephan Eitler, MSc

WIE KOMMT DER SCHMERZ IN DEN RÜCKEN?      

Sie haben eine Röntgenaufnahme von Ihrer Wirbelsäule, so sauber und wohlgeformt wie die eines Neugeborenen – und trotzdem schmerzt das Kreuz? Sie haben seit Jahren einen Bandscheibenvorfall und wissen nichts davon, weil Sie keine Schmerzen haben? Zwei Sätze, beide haben ihre Berechtigung. Denn sie beweisen: Rückenschmerzen haben ihre Ursache nicht immer im Rücken. Und: Sie können nicht immer nur mit reiner Rückenarbeit behoben werden. Was sonderbar klingen mag, ist wissenschaftlich belegt – und das nicht erst seit gestern.

Schon im Jahr 1994 wurde im „New England Journal of Medicine“ eine Studie veröffentlicht, die sich der Suche nach den Ursachen und Auslösern von Rückenschmerzen gewidmet hat. Ihre Verfasser machten sich dabei die Methode der Kernspintomographie zunutze, heute spricht man von der Magnetresonanztomographie (MR, MRI oder MRT, je nachdem, welche Abkürzung Ihnen die sympathischste ist). Dabei werden mithilfe eines starken Magnetfeldes Schnittbilder erzeugt – vom Kopf, von Gelenken oder eben der Wirbelsäule. Der Zweck: Funktion und Beschaffenheit darstellen.

Bei der erwähnten Studie wurden Rückengesunde untersucht, also Personen, die von sich behaupteten, in ihrem Leben noch nie Rückenschmerzen gefühlt zu haben. Nachdem sie ausfindig gemacht werden konnten, wurden sie gebeten, sich in die Röhre zu legen. Kurze Zeit später lagen die Bilder von ihrer Wirbelsäule auf dem Tisch. Das Ergebnis: Bei gut zwei Drittel der „Gesunden“ lag eine Protrusion – eine Bandscheibenvorwölbung – oder gar ein Prolaps – alias Bandscheibenvorfall – vor! Wie kann das sein? Kann die Bildgebung lügen? Nein, aber sie gibt schlicht nicht immer die richtige Antwort. Anders ausgedrückt: Oft wird ihr die falsche Frage gestellt.

Das zeigen auch neuere Studien: Demnach können positive Muskeltriggerpunkte, ein leicht schiefes Becken oder ein Hartspann zwar Schmerzen verursachen – sie tun es aber nicht automatisch. Konkreter: 2010 wurde von unseren deutschen Nachbarn per Untersuchung bestätigt, dass fast die Hälfte der 50-Jährigen einen Bandscheibenvorfall hat, von dem sie nichts wahrnimmt. Soll heißen: Da drückt ein Teil der Bandscheibe in den Wirbelkanal und keiner merkt etwas davon – auch, wenn dieser Umstand in der Bildgebung sichtbar wird. Warum? Ein Hinweis fand sich im selben Jahr im „Journal of the American Medical Association“. Hier war zu lesen, dass Rückenschmerzen nicht unbedingt einer mechanischen Ursache bedürfen, sondern Seele und Kopf den Ausschlag geben können. Ein einfaches Beispiel: Habe ich eine schlechte Haltung, eine schwache Muskulatur, Chaos im Job oder Privatleben und wenig Regenerationsphasen, kann dieser Mix auf lange Sicht chronische Rückenschmerzen bewirken.

In eine ähnliche Kerbe schlägt eine Untersuchung von Fachärzten der Universität Heidelberg vom Herbst 2018. Sie ermittelten, dass psychische Belastungen und Stress am Arbeitsplatz das Risiko für Rückenschmerzen deutlich in die Höhe schrauben können. Konkret leidet demnach jeder dritte Patient mit chronischen Rückenschmerzen auch unter psychischen Erkrankungen. Ein Befund, der im ersten Moment hart klingt – sich aber im Alltag vielfach bestätigt.

Niemand hat Rückenschmerzen „nur im Kopf“, weil „er/sie spinnt“ oder ihm/ihr „fad ist und er/sie Aufmerksamkeit erringen will“ – so aber lauten viele Vorwürfe, oft von genervten Angehörigen ausgesprochen, denen die Ursachensuche zu mühsam geworden ist. Tatsache aber ist: Alles auf die Psyche abzustellen wäre zu einfach und ist daher zu kurz gedacht. Wir erinnern uns an die oben zitierten Studien! Zugleich gilt: Alles auf den Rücken zu schieben, kann auch zu wenig sein. Kurzum: Liegt ein (noch unbemerktes) mechanisches Problem vor, kann Stress dieses schmerzhaft (bemerkbar) werden lassen. Und: Für beides lassen sich Auswege finden.

Wir kennen es alle: In der Kindheit und im Teenageralter, auch noch in den 20ern und zuweilen in den 30ern, fühlte man sich fähig, Bäume und nicht nur Grasbüschel ausreißen zu können. Vom Rücken nahm man nur dann Notiz, wenn es galt, ihm mit Sonnencreme einzuschmieren. Keine Schmerzen, keine Einschränkungen. Anders wurde das mit dem Beginn des Studiums, vor Wettbewerben oder beim Eintritt ins Berufsleben. Der Stress wurde mehr, die Verantwortung größer, die Abgabezeiten kürzer. Und auf einmal meldete sich ein „starrer Nacken“, ein „steifes Kreuz“. Die Haltung ließ nach, die Schulterschmerzen grüßten höflich.

In anderen Worten: Die geistige Anspannung manifestierte sich erstmals spürbar in der Muskulatur. Der Hintergrund: Wir sind angestrengt, die Muskeln sind angestrengt. Je länger dieser Zustand der Anspannung anhält, desto schneller ist die Verspannung da. Und dabei bleibt es nur selten. Beständig beanspruchte Muskeln machen uns das Atmen schwer, schränken die Blutzufuhr in den Kopf ein – und sorgen dafür, dass wir zum „steifen“ Hals auch noch eine Portion Kopfschmerzen serviert bekommen. Bleibt nur noch zu sagen: Willkommen im Teufelskreis. Denn mit steigendem Stresspegel steigt auch der Schmerzpegel. Kurzum: Seele und Kopf drücken auf das Rückgrat – dem einen weiter oben, dem anderen etwas tiefer. Und das, obwohl das MRT keinen Bandscheibenvorfall anzeigt, kein Nerv eingezwickt ist und keine besorgniserregenden Vorwölbungen oder Abnutzungen nachweisbar sind.

Mysteriös? Eigentlich nicht. Denn seien wir ehrlich: Wie viel Gutes tun wir unserem Rücken? Sitzen wir nicht sehr viel herum? Tragen wir nicht oft ausgetretene Schuhe? Heben wir schwere Dinge einseitig, mit gebogenem Rücken? Wie oft machen wir gezielt Muskel- und Dehnungsübungen? Tja… bei so viel Nicht-Achtung kaum verwunderlich, dass es uns häufig schwer fällt „Rückgrat zu zeigen und „aufrecht durch’s Leben zu gehen“. Stattdessen vermögen es Sorgen uns „das Genick zu brechen“, Angst und Stress erlauben uns kaum, „Haltung zu bewahren“.

Aber – Tatsache ist auch: Viele Schmerzen können ebenso schnell wieder vergehen, wie sie aufgetreten sind. Und zwar dann, wenn zur körperlichen die seelische, die mentale Komponente dazu genommen wird. Was hat sich zu dem Zeitpunkt, als meine Rückenschmerzen aufgekommen sind, in meinem Leben verändert? Bin ich umgezogen? Habe ich meinen Job verloren? Werde ich von Kollegen gemobbt? Belasten mich Geld- oder Beziehungssorgen? Anders gefragt: Wann war ich das letzte Mal richtig glücklich? Wann konnte ich durchatmen, ohne gleich wieder an eine Deadline zu denken? Wie lange liegt mein letzter Urlaub zurück?

Der erste Schritt hin zu mehr Lebensqualität besteht darin, sich die eigene Situation bewusst zu machen. Das erfordert allerdings Mut und Kraft. In meinen Coaching-Sitzungen habe ich eine Vielzahl von toughen Unternehmern erlebt: Alles erfolgreiche Visionäre, Entscheider. Sie hantierten mit Zahlen und Fakten, als gebe es nichts Leichteres. Sobald es allerdings darum ging, sich einzugestehen, dass ihnen etwas zu viel wird, wurden sie schweigsam. Und sie litten – emotional und körperlich. Sie ließen den Kopf hängen, die Schultern sanken leicht nach vorne, der Rücken wurde krumm, zuweilen zu Schmerzmitteln gegriffen, um den Tag zu überstehen.

Merken Sie etwas? Der Körper zeigte den Betroffenen an, dass sie ein ungelöstes Problem mit sich „herum trugen“. Der Rücken „meldete sich zu Wort“. Er gab einen Schmerzensschrei ab. Wurde dieser Schrei erhört, konnten sich die Betroffenen – kurze Zeit später wieder „aufrichten“ und „erhobenen Hauptes“ von dannen schreiten. Denn: Der Rücken hatte keinen Anlass mehr, sich zu krümmen.

DAS WICHTIGSTE ZUSAMMENGEFASST

Rückenschmerzen sind nicht immer mit bildgebenden Verfahren zu erkennen. Umgekehrt können Rückenprobleme vorliegen, obwohl die Betroffenen (noch) nichts davon merken. Das belegen zahlreiche Studien. Im Jahr 1994 berichtete beispielsweise das „New England Journal of Medicine“ über Rückengesunde, die gar nicht rückengesund waren. Konkret: Es wurden Personen ins MRT geschickt, die von sich behaupteten, in ihrem Leben noch nie Rückenschmerzen gefühlt zu haben. Die Bilder aber zeigten: Bei gut zwei Drittel der Teilnehmer lag eine Bandscheibenvorwölbung oder ein Bandscheibenvorfall vor! Ähnlich eine deutsche Studie von 2010. Ihr Ergebnis: Fast die Hälfte der 50-Jährigen hat demnach einen Bandscheibenvorfall, von dem sie nichts merkt.

Warum? Eine Antwort gab vor einigen Jahren das „Journal oft he American Medical Association“. Demnach können psychische Faktoren Rückenschmerzen beeinflussen. Auch eine Studie der Universität Heidelberg vom Herbst 2018 macht auf die Rolle von Kopf und Seele aufmerksam. Ihr zufolge leidet jeder dritte Patient mit chronischen Rückenschmerzen auch unter psychischen Erkrankungen.

 Fazit: Niemand hat Rückenschmerzen „nur im Kopf“, weil „er/sie Aufmerksamkeit erringen will“. Alles auf die Psyche abzustellen ist zu kurz gedacht. Aber: Alles auf den Rücken zu schieben, kann auch zu wenig sein. Kurz: Liegt ein (noch unbemerktes) mechanisches Problem vor, können Stress, Sorgen und Ängste es bemerkbar werden lassen. Für beides gibt es Lösungen!

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LITERATURHINWEISE

>>> Studie von Jensen und Co. von 1994 im „New England Journal of Medicine“

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJM199407143310201

>>> „Journal of the American Medical Association“

https://ebbp.org/resources/Anxiety_CBT_RCT_Barlow.pdf

>>> Berichte über die Studie der Universität Heidelberg

https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/schmerz/rueckenschmerzen/article/447219/jeder-dritte-rueckenschmerz-patient-psychisch-krank.html

>>> Weiterführende Infos:

http://www.psy.lmu.de/wirtschaftspsychologie_en/personen/professoren/spiess_erika/asu_artikel.pdf

https://www.wien.gv.at/gesundheit/einrichtungen/planung/pdf/schmerzbericht-2018-k07.pdf

kraftvolle Grüße

Dipl.Ing.(FH)

Stephan Eitler, MSc

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